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Des Kaisers neue Kleider- Mut zur Wahrheit

Die Welt um uns herum ist laut und bunt.

Überall buhlt man um meine Aufmerksamkeit: Leuchtende Farben, schrille Töne, bewegte Bilder. Die verschiedenen Medien übertrumpfen sich darin, mein Interesse für alles nur Denkbare zu wecken. Viele Angebote sind verlockend und gaukeln mir vor, es besonders gut mit mir zu meinen. Respektable Institutionen, staatliche Einrichtungen, Personen der Öffentlichkeit – sie alle beanspruchen mein Vertrauen zu ihnen.

Und dann sind da noch die Stimmen in mir, die mich glauben ließen, über allem zu stehen, unantastbar zu sein für Schmeichelei, Ablenkung, Sentimentalitäten. Und die ganz plötzlich die Melodie von Dur auf Moll geändert haben und nun im Shuffle – Modus mir die Un-Wörter vorsingen: unbeholfen, unfähig, uninteressant, unwichtig, unsicher…….

Halt! Stop! Wir sind keine willenlosen Geschöpfe, die ferngesteuert reagieren müssen, und unsere Seele ist kein Teppich auf dem jeder nach Belieben herumtrampeln kann!Des Kaisers neue Kleider- Mut zur Wahrheit

„Die Freiheit des Menschenliegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will“.     (Jean Jaques Rousseau)

Eine Personengruppe, die dieses Prinzip wunderbar erfasst hat, sind zum Beispiel kleine Kinder. Und zum Leidwesen vieler Eltern setzen sie es jeden Tag aufs Neue um.  Kinder haben einen besonderen Sinn, zu erkennen, was echt oder geheuchelt ist. Haben wir das Kind in uns schon komplett zum Schweigen gebracht? Mir fällt dazu Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neuen Kleider“ ein. Aus Angst, als dumm oder unmodern eingestuft zu werden, gaben die Leute darin vor, etwas zu bestaunen, was es gar nicht gab. Weil alle es taten. Weil die Täuschung so geschickt verpackt war, dass man eher am eigenen Verstand als an der Glaubwürdigkeit anderer zweifelte. Erst ein kleines Kind sprach laut aus, was alle heimlich dachten: Da ist ja gar nichts dran! Beschämt mussten die Erwachsenen die in der Geschichte wörtlich genommenen „nackten Tatsachen“ zugeben.

Laß deinen gesunden Menschenverstand walten! Er hat nicht gelitten, wie oft du auch daran zweifelst oder andere dich als unmündig behandeln mögen. Unser Verstand unterscheidet uns im Wesentlichsten von den Tieren. Wo er nur noch auf „stand by“ steht, aber nicht aktiviert wird, verkümmert er und wir werfen  Willen, Energie, Fähigkeiten – unser ganzes Potential – wie Perlen den Säuen vor.

Des Kaisers neue Kleider- Mut zur WahrheitTriff bewusst deine Entscheidungen! Trau‘ dich zu sagen und zu tun, was du denkst, unabhängig davon, was andere davon halten. Du wirst damit nicht immer populär sein, aber auf jeden Fall du selbst. Und damit bist du, was unsere Welt so dringend braucht: authentisch.

Betty

PS: Ich liebe den großen Künstler Joan Miro. Vielleicht hat auch er sich bei seinen großformatigen Wandbildern von kleinen Kindern inspirieren und einfach das  Kind in ihm malen lassen. Ich finde, das stellt die Ausdruckskraft nicht in Frage, oder was meinst du? ;-))


Self-Portrait I

Joan Miro
 

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Authentisch leben – wer bin ich wirklich?

Du hast dich ganz neu kennengelernt.

Und du fragst dich, wo ist es hin, das alte ICH? Die geschäftige, selbstbewusste Person, die stets alles im Griff, ständig das letzte Wort hatte? Gedanklich immer den anderen voraus, mit einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Energie, die sie einzusetzen nie müde wurde, wenn bei allen anderen schon die Luft raus war. Neue Herausforderungen wurden freudig begrüßt. Tatendrang aus Leidenschaft.

Authentisch leben - wer bin ich wirklich?

Jetzt bist du froh, wenn du deinen Alltag halbwegs geregelt bekommst. Manchmal in Zeitlupe. Deine Gedanken wandern umher, du schaffst es nicht, sie einzuholen, sie da zu konzentrieren,  wo du sie gerade brauchst. Deine To – do – Liste bleibt leer, du magst die Lappalien nicht eintragen,  die dir gezwungenermaßen dennoch alles abverlangen.

Du sehnst dich nach deinem früheren Ich, dass irgendwo verlorengegangen sein muss. Auf das du so stolz warst! Diese Person scheint nur noch wenig mit dir gemein zu haben.

Aber warst du das wirklich, oder hast du dir und anderen etwas vorgemacht?  Woher kam deine Energie? Hast du den Dynamo übersehen, der an deinem Hamsterrad befestigt war? Du hast dich  selber angetrieben! Wofür? Was war deine Motivation? Hast du dir diese Frage jemals erlaubt?  In einem Krimi gehört zu jeder Tat ein Motiv. Oft ist sogar die Erkenntnis des Motivs die Vorraussetzung, dem Täter auf die Spur zu kommen. Das WARUM ist für uns also eigentlich wichtiger als das WAS (am Ende dabei hinten rauskommt), auch wenn wir uns das nur ungern eingestehen, weil so unschöne Begriffe wie Geltungsdrang, Sehnsucht nach Anerkennung, sich beweisen müssen, Ehrgeiz u.s.w. dahinter stecken. Mein Lieblingswort  „Ergebnisorientierung“ erscheint plötzlich zwielichtig. Der Zweck heiligt eben nicht alle Mittel.

Authentisch leben - wer bin ich wirklich?

Um die Frage zu beantworten: „Wer bin ich wirklich?“ muss ich auch die Frage: „Was treibt mich an?“ stellen. Die Selbsterkenntnis, dass vielleicht nicht alle Motive edel, hilfreich und gut waren, ist schmerzhaft, aber um nicht der Selbsttäuschung zu erliegen, unvermeidbar.

Erst diese Auseinandersetzung mit dir selbst, ermöglicht es dir, dein wahres Ich zu entdecken, authentisch zu leben und echt zu sein. Ohne die Maske des Perfektionismus darf ich zu Fehlern stehen, Schwäche zeigen und Hilfe annehmen. Befreites Leben leben.

Jemand, dem dies nicht vergönnt war, aber der sich die gleichen Fragen gestellt hat, war der Theologe und am Widerstand gegen die Nazis Beteiligte, Dietrich Bonhoeffer. Er wurde kurz vor Kriegsende im KZ hingerichtet. Trotz seiner Zweifel und Fragen wusste er sich aufgehoben.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

Dietrich Bonhoeffer

Www.feuerfangen.de

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