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Eigensinn macht Spaß!?

Gegen die Infamitäten des Leben sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld.
Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spass, und die Geduld gibt Ruhe.
(Hermann Hesse)

Aus dieser erstmal eigenartig anmutenden Kombination von Tugenden kann nun jeder, der sich zeitweise den Widrigkeiten des Lebens erlegen fühlt, für sich selbst herausfinden, was die persönlichen Schwachstellen sind. Wem hier der Eigensinn nicht reinpasst, darf auch ‚Charakter‘ oder ‚Persönlichkeit‘ einsetzen, aber für Hesse galt er als einzige Tugend überhaupt und
„wirkliche Tugenden stören immer und erregen Hass“. (H. Hesse- Werkausgabe10, S.454 ff)

Seit ich denken kann, fühle ich mich ruhelos. Die Momente, in denen ich mich komplett aufgehoben fühle, d.h. zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, das Richtige tuend, sind für mich seltene Augenblicke des Glücks, Sternschnuppen gleich.
Der Drang, mich selbst, die Menschen und Dinge, sowie Situationen um mich herum, ständig hinterfragen zu müssen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen, treibt mich an – und Nahestehende gelegentlich fast zum Wahnsinn.

Ich beneide deshalb Leute, die ausgeglichen und scheinbar unbeirrt ihren Weg gehen können, ohne Zweifel an ihrem Tun und Lassen. Dieses Leben scheint soviel einfacher!

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Janosch, erschienen im Zeit- Magazin

Aber es ist nicht mein Leben!
Ich fühle mich geradezu verpflichtet, es mir eben nicht einfach zu machen, also nicht den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, sondern alles mir Mögliche zu tun, Widerstände auszuräumen. Geht nicht- gibt’s nicht, war immer meine Devise. Das hört sich anstrengend an und das ist es auch! Lösungsorientiertes, selbständiges Denken ist nur solange gewünscht, wie es nicht angewendet wird. Hermann Hesse, der mir aus der Seele spricht, formuliert es so:

„Es gibt keinen andern Weg der Entfaltung und Erfüllung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens: ,Sei du selbst!’… Daß dieser Weg durch viele moralische und andere Hindernisse erschwert wird, daß die Welt uns lieber angepaßt und schwach sieht als eigensinnig, daraus entsteht für jeden mehr als durchschnittlich individualisierten Menschen ein Lebenskampf. Da muss jeder für sich allein … entscheiden, wieweit er sich der Konvention unterwerfen oder ihr trotzen will. Wo er die …Forderungen von Familie, Staat und Gesellschaft in den Wind schlägt, muss er es tun mit dem Wissen darum, dass es auf seine eigene Gefahr geschieht. …Man muss jedes Zuviel, jedes Überschreiten des eigenen Maßes büßen, man darf ungestraft weder im Eigensinn noch im Anpassen zu weit gehen.“ (Hermann Hesse, Ausgewählte Briefe)

Hier kommt dann also die Tapferkeit ins Spiel, um die Konsequenzen des Eigensinns ausbaden zu können. Macht Eigensinn dann überhaupt noch Spaß? Und wie bekomme ich die Kurve zur Geduld und ihr zufolge zur Ruhe?
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In der Psychologie gibt es dafür den Begriff der ‚Radikalen Akzeptanz‘ und ich habe Jahre mit schmerzlichen Erfahrungen gebraucht, um ihn zu verinnerlichen und bin noch immer nicht damit fertig. Er beinhaltet die Bereitschaft, etwas hinzunehmen, zu akzeptieren, was ich gerne verändern würde, aber nicht verändern kann. Also das sprichwörtliche „Jammern über verschüttete Milch“ aufzugeben und die Einsicht, dass nicht alle Protagonisten in meinem Lebensbuch gewillt sind, sich der vorgesehenen positiven Wandlung zu unterziehen.
Durch die Akzeptanz dessen erspare ich mir unfruchtbares Hadern und selbstauferlegtes Leiden.

http://www.bameier.de/radikale-akzeptanz/

Es ist im Grunde mein Tribut an das Leben und den, der es steuert, Unabänderliches stehen lassen zu können und ihm mehr Macht einzuräumen, als dem Vertrauen in meinen Eigensinn. Ein lebenslanger Prozess-; und der Alltag bietet viele Gelegenheiten, sich darin zu üben. Jemand, der stets auf Effizienz ausgerichtet war wie ich, erlebt dies als Tortur und mitunter als Demütigung.
Aber ich werde dafür mit Souveränität belohnt, die ich mir anders nicht besser aneignen könnte und deren höchste Form vielleicht als ‚Geduld‘ bezeichnet werden kann.
Damit schließt sich der Kreis- und ‚zur Ruhe kommen‘ dürfen dann auch mal Tapferkeit und Eigensinn.

Claudia Bettina

P.S.Wie geht es dir damit? Gehörst du zu der Gruppe, die sich leichter in ihr Schicksal fügen?Oder könntest du an deiner Ohnmacht verzweifeln?

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Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet

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Luther ja, Freigeist nein

Luther ja, Freigeist nein

Eine Region im Luther-Fieber

Der Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt atmet aus jeder Pore Luther. Tausende Menschen aus aller Welt werden erwartet zur Weltausstellung, zum Kirchentag, zum 500. Geburtstag der Reformation. Ein organisatorisches Meisterwerk muss erbracht werden, um den Besucherströmen gerecht zu werden in einer Zeit, in der nationale Sicherheit ein kostbares Gut geworden ist, erst recht in einer kleinen Provinzstadt wie Wittenberg.Dafür wurden viele neue Jobs geschaffen in Museen und ihren Shops, in Komitees, in Organisationen und Verwaltungen: Geschäftsführer, Botschafter, Präsidenten,Ticketverkäufer, Organisatoren, Koordinatoren, Garderobenanhänger, Gästeführer, Gästebetreuer, Standverkäufer, Parkplatzanweiser, Shuttlefahrer, Sicherheitspersonal, Aufräumer, Aufsichtsleute, Ticketabreisser, Auskunftgeber…usw. 

Luther finden plötzlich alle toll! Und jeder möchte seinen Anteil abbekommen vom großen Kuchen des Lutherhype. VIP’s outen sich als Reformationsfans. Reformation ist zum Modewort geworden , es riecht nach Aufbruch, nach Veränderung, nach dem Ablegen alter Hüte. Und manch einem mögen dabei die 68 iger näher sein als das, was Luther vor 500 Jahren anmahnte.

Luther ja, Freigeist nein

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Um sicher zu sein, ob man sich tatsächlich mit Luther identifizieren kann, sollte man die grundlegenden Verhaltensweisen des großen Reformators einmal beleuchten.
Da fällt vor allem die Eine auf: MUT.
Mut zur Erkenntnis, Mut zum Bekenntnis, Mut für dieses Bekenntnis geradezustehen.
Mut zum Ansprechen von Mißständen, Mut zum Beseitigen der Mißstände.
Mut mit Obrigkeiten auf Augenhöhe zu reden, Mut zum Eingestehen von Fehlern, Mut, um Dinge neu und anders anzugehen.
Martin Luther war ein mutiger Mann!
Auch wenn er mitunter von seinen Selbstzweifeln fast aufgefressen und depressiv wurde, setzte er all seine Kraft für seine Überzeugungen ein. Dafür verlor er zeitweise materielle Sicherheit, Freiheit, Ansehen und fast sein Leben.
Wären all die neuen Lutherfans und Anhänger der Reformation dazu bereit?

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Woher bezog er diesen Mut? Was machte ihn so mutig, dass er bereit war, sein Leben zu riskieren? Es war sein Glaube an Gott als die einzige Instanz, die der Mensch fürchten muss!
Diese Überzeugung verlieh ihm die innere Freiheit, zu denken, zu tun und zu lassen, was er für richtig erkannte.
Als jemand, der 40 von seinen 50 Lebensjahren im Landkreis Wittenberg zubrachte, muss ich leider sagen, dass die meisten Menschen hier in der Region von dieser Überzeugung weit entfernt sind.
Das liegt zum Einen an den 40 Jahren Kommunismus, der in diesem Teil Deutschlands ganze Arbeit geleistet hat.
Die Menschen wurden geduckt und zum Stillhalten instrumentalisiert. Die Gottheiten der Kommunisten und Sozialisten hießen Marx, Engels und Lenin und wurden mit ihren Lehren dazu benutzt, ganze Generationen in Angst, Mißtrauen und Feigheit zu erziehen.

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Ich bin in der DDR nahe Wittenberg in einem evangelischen Pfarrhaus, einer Enklave der ideologischen Freiheit, aufgewachsen und habe sozusagen die reformatorischen Werte mit der Muttermilch eingesogen. Kein Wunder, dass ein „Rebell“ daraus hervor ging, wenn man darunter schon jemand verstand, der einfach nur seine Meinung laut sagte und sie auch vertrat, was folgerichtig Konsequenzen hatte. Mir blieben also Abitur und Studium trotz bester Leistungen versagt.
Trotz unserer freiheitlichen Demokratie im Deutschland des 21. Jahrhunderts, in dem jeder seine Überzeugungen laut bekennen darf, finde ich mich wieder zwischen Duckmäusertum, Druckausübung, aufgeblasener Überheblichkeit und Engstirnigkeit.
In den letzten 5 Jahren liegen 3 Arbeitsverhältnisse hinter mir, bei denen meine Geradlinigkeit meinen Leistungen zum Verhängnis wurde. Innere Freiheit ohne Menschenfurcht kann ungewollt und unbewußt zu einer gefürchteten Waffe werden im Kampf um den längeren Hebel. Gesucht werden Stillhalter, graue Mäuse, Ja-Sager. Und davon gibt es hier noch reichlich.
Meine persönlichen Erfahrungen haben mich krank gemacht. Ein Jahr lang litt ich an Selbstzweifeln und Depressionen. Da half auch Luther nicht. Wohl aber der, der auch sein Mutmacher war.

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Luther war ein Freigeist durch und durch. Wenn wir also dem Geist der Reformation in der Form huldigen, wie es gerade ein ganzer Wirtschaftszweig tut, dann sollte dieser Freigeist auch zum Zuge kommen dürfen.
Ich wünsche mir mehr Menschen, die nicht nur auf den Luther- Zug aufspringen, sondern auch bereit sind, die Werte zu leben, die dieser als Fracht mit sich führt.

Bettina

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Des Kaisers neue Kleider- Mut zur Wahrheit

Die Welt um uns herum ist laut und bunt.

Überall buhlt man um meine Aufmerksamkeit: Leuchtende Farben, schrille Töne, bewegte Bilder. Die verschiedenen Medien übertrumpfen sich darin, mein Interesse für alles nur Denkbare zu wecken. Viele Angebote sind verlockend und gaukeln mir vor, es besonders gut mit mir zu meinen. Respektable Institutionen, staatliche Einrichtungen, Personen der Öffentlichkeit – sie alle beanspruchen mein Vertrauen zu ihnen.

Und dann sind da noch die Stimmen in mir, die mich glauben ließen, über allem zu stehen, unantastbar zu sein für Schmeichelei, Ablenkung, Sentimentalitäten. Und die ganz plötzlich die Melodie von Dur auf Moll geändert haben und nun im Shuffle – Modus mir die Un-Wörter vorsingen: unbeholfen, unfähig, uninteressant, unwichtig, unsicher…….

Halt! Stop! Wir sind keine willenlosen Geschöpfe, die ferngesteuert reagieren müssen, und unsere Seele ist kein Teppich auf dem jeder nach Belieben herumtrampeln kann!Des Kaisers neue Kleider- Mut zur Wahrheit

„Die Freiheit des Menschenliegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will“.     (Jean Jaques Rousseau)

Eine Personengruppe, die dieses Prinzip wunderbar erfasst hat, sind zum Beispiel kleine Kinder. Und zum Leidwesen vieler Eltern setzen sie es jeden Tag aufs Neue um.  Kinder haben einen besonderen Sinn, zu erkennen, was echt oder geheuchelt ist. Haben wir das Kind in uns schon komplett zum Schweigen gebracht? Mir fällt dazu Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neuen Kleider“ ein. Aus Angst, als dumm oder unmodern eingestuft zu werden, gaben die Leute darin vor, etwas zu bestaunen, was es gar nicht gab. Weil alle es taten. Weil die Täuschung so geschickt verpackt war, dass man eher am eigenen Verstand als an der Glaubwürdigkeit anderer zweifelte. Erst ein kleines Kind sprach laut aus, was alle heimlich dachten: Da ist ja gar nichts dran! Beschämt mussten die Erwachsenen die in der Geschichte wörtlich genommenen „nackten Tatsachen“ zugeben.

Laß deinen gesunden Menschenverstand walten! Er hat nicht gelitten, wie oft du auch daran zweifelst oder andere dich als unmündig behandeln mögen. Unser Verstand unterscheidet uns im Wesentlichsten von den Tieren. Wo er nur noch auf „stand by“ steht, aber nicht aktiviert wird, verkümmert er und wir werfen  Willen, Energie, Fähigkeiten – unser ganzes Potential – wie Perlen den Säuen vor.

Des Kaisers neue Kleider- Mut zur WahrheitTriff bewusst deine Entscheidungen! Trau‘ dich zu sagen und zu tun, was du denkst, unabhängig davon, was andere davon halten. Du wirst damit nicht immer populär sein, aber auf jeden Fall du selbst. Und damit bist du, was unsere Welt so dringend braucht: authentisch.

Betty

PS: Ich liebe den großen Künstler Joan Miro. Vielleicht hat auch er sich bei seinen großformatigen Wandbildern von kleinen Kindern inspirieren und einfach das  Kind in ihm malen lassen. Ich finde, das stellt die Ausdruckskraft nicht in Frage, oder was meinst du? ;-))


Self-Portrait I

Joan Miro
 

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